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Daten statt Dogmen - Der renommierte Kölner Volkswirt Axel Ockenfels über das Selbstverständnis moderner Ökonomie

Wie viele Volkswirte braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Antwort: keinen einzigen. Wenn eine neue Glühbirne nötig wäre, hätte der Markt schon dafür gesorgt.“ Solche Ökonomenwitze gibt es zu Dutzenden. Alle werfen ein Schlaglicht auf die öffentliche Wahrnehmung der Wirtschaftswissenschaft. Ökonomen werden gerne als realitätsfern und vage, marktgläubig und modellverliebt beschrieben.

Die Kritik an der Wirtschaftswissenschaft ist so alt wie das Fach selbst. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieb Thomas Carlyle das Fach als „dismal science“ – eine Beschreibung, die der Disziplin bis heute anhängt. Ökonomen, so wird kolportiert, „kennen den Preis von allem und den Wert von nichts“. Wissenschaftler anderer Disziplinen werfen unserem Fach gar „Imperialismus“ vor – wir Wirtschaftswissenschaftler würden mit Vorliebe unsere Nase auch in Themen stecken, mit denen wir uns nun wirklich nicht auskennen, von der Familie über Glück bis hin zur Gesundheit.

In der Vergangenheit mag solche Kritik zum Teil berechtigt gewesen sein. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in der Wirtschaftswissenschaft jedoch eine aufregende Entwicklung breit gemacht: Das Fach ist näher an die Menschen und ihre Probleme gerückt; es gelingt zunehmend, die angeprangerte Lücke zwischen Wissenschaft und „wirklichem Leben“ zu überbrücken. Daten statt Dogmen, auf diesen Nenner könnte man das Leitmotiv moderner Wirtschaftswissenschaft bringen.

Ein Motor dieser Entwicklung war die Entdeckung und Anwendung neuer wissenschaftlicher Methoden – insbesondere die Spieltheorie und ihr empirisches Gegenstück, die experimentelle Wirtschaftsforschung. Beide Forschungsfelder haben gemeinsam die Volkswirtschaftslehre und die Sicht der Ökonomen auf menschliches Verhalten revolutioniert. Zugleich haben sie die Ökonomen mit Instrumenten ausgestattet, mit denen sie gleichsam wie Ingenieure helfen können, effektivere Institutionen zu gestalten und bessere Entscheidungen zu treffen.

Die Spieltheorie liefert ein mathematisch stringentes Werkzeug zur Analyse strategischer Interaktion. Bevor die Spieltheorie um die Mitte des letzten Jahrhundert „erfunden“ wurde, ist die Wirtschaftstheorie in ihren Modellen typischerweise davon ausgegangen, dass eine so große Anzahl von Akteuren auf Märkten interagieren, dass jeder einzelne die Reaktion der anderen auf das eigene Verhalten vernachlässigen kann. Dies mag für den Kauf einer Milchtüte eine nachvollziehbare Vereinfachung sein. Aber für Tarif- und Umweltverhandlungen, Regulierung von Infrastrukturmärkten, oligopolistischen Wettbewerb und andere Formen von Konflikt und Kooperation sind derlei Modelle offensichtlich nicht besonders hilfreich.

Die Spieltheorie befreit uns von solchen Zwängen. Sie erlaubt uns, ökonomische, soziale und politische Interaktion auf Märkten und außerhalb von Märkten mit denselben Methoden zu analysieren. Dadurch gelingt es Zusammenhänge ökonomischen und sozialen Verhaltens zu offenbaren, und den Einfluss von Markt- und anderen Spielregeln auf Entscheidungen besser zu verstehen. Die Spieltheorie erweist sich als äußerst erfolgreicher Berater, wenn es um Anreizwirkungen und Verhaltensstrategien geht. Aber auch ihr sind Grenzen gesetzt. Die Akteure, die die spieltheoretischen Modellwelten bevölkern, agieren in der Regel ohne kulturellen oder sozialen Hintergrund, aber dafür mit unbegrenzter Rechenkapazität.

Solche vereinfachenden Annahmen sind zwar manchmal hilfreich, führen aber zuweilen zu falschen Schlussfolgerungen. Ein Beispiel: Aus Sicht der Spieltheorie ist Schach ein uninteressantes Spiel. Da es keine Unsicherheiten über die strategischen Optionen und Ziele des Gegenübers gibt und alle Züge beobachtet werden können, weiß ein perfekt rationaler Spieler stets, wie sein Gegenüber auf jeden möglichen Zug reagieren wird. Mit anderen Worten, beide Spieler können bereits vor dem ersten Zug exakt voraussehen, wie sich das Spiel entwickeln und schließlich ausgehen wird.

Dass der Gewinner bei rationalem Verhalten bereits vor dem ersten Zug feststeht, kann recht leicht spieltheoretisch bewiesen werden. Genauso klar ist indes, dass die Rechenkapazitäten keines Menschen oder Computers ausreichen würden, um Schach rational spielen zu können.

Doch wie verhalten sich Menschen dann in komplexen Situationen? Die experimentelle Wirtschaftsforschung läutete ein neues Zeitalter für die Wirtschaftswissenschaft ein. Schon Ende der fünfziger Jahre haben Volkswirte vereinzelt damit begonnen, ökonomische Phänomene mit Laborexperimenten zu analysieren. Doch bis diese neue Methode in der Disziplin auf breiter Front akzeptiert wurde, sollten noch Jahrzehnte vergehen. Das Vorurteil, Experimente seien in der Wirtschaftswissenschaft nicht möglich, saß tief in den Köpfen.

Heute gehört die experimentelle Wirtschaftsforschung zu den erfolgreichsten Forschungsfeldern in der Wirtschaftswissenschaft. Sie beschäftigt sich komplementär zur Spieltheorie mit dem Verhalten von Menschen aus Fleisch und Blut. Und siehe da, der Mensch agiert zuweilen ganz anders, als es die traditionelle Ökonomik unterstellt. Motivationen wie Fairness können eine entscheidende Rolle bei Verhandlungen spielen, kognitive Beschränkungen führen zu systematischen Fehlern auf Finanzmärkten und Erfahrungen aus der Vergangenheit können das Verhalten in die falsche Richtung steuern.

Die systematische Untersuchung solcher Phänomene in hoch kontrollierten experimentellen Umgebungen zeigt, dass sich Menschen nicht irrational oder gar chaotisch verhalten. Menschen aus Fleisch und Blut folgen ihrer eigenen Rationalität. Diese stimmt zwar nicht immer mit der des Homo oeconomicus überein, aber sie verhält sich systematisch und prognostizierbar – und damit auch modellierbar. Diese Tatsache ermöglicht es Ökonomen, alte Pfade zu verlassen und neue deskriptiv relevante Verhaltenstheorien zu entwickeln. Einige davon haben sich als überraschend robust und empirisch erfolgreich erweisen. Sie bilden die Grundlage einer neuen Ökonomik, der „Behavioral Economics“.

Der Schwung, den Spieltheorie und experimentelle Wirtschaftsforschung in die Wirtschaftswissenschaft gebracht haben, wird verstärkt durch spannende Entwicklungen in benachbarten Gebieten. Insbesondere hat auch die Psychologie die Ökonomik massiv bereichert.

Neuerdings versuchen Ökonomen gewissermaßen noch tiefer ins Gehirn zu sehen. Die Neuroökonomik kombiniert Methoden der Neurowissenschaften und der Ökonomik. Sie versucht, diejenigen im Gehirn stattfindenden Prozesse zu identifizieren und zu verstehen, die mit der Entstehung von Wahrnehmungen und Entscheidungen einhergehen. Auch Innovationen bei den mathematischen Methoden haben die Wirtschaftswissenschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich vorangebracht. Die Wirtschaftstheorie und die Statistik entwickeln immer verfeinerte und komplexere Modelle und Analysemethoden.

Die zunehmende Mathematisierung hat jedoch auch innerhalb der eigenen Profession nicht nur Anhänger. So spricht der amerikanische Volkswirt Alan Blinder von einem „Mathematikrennen“ und moniert, die „Ökonomie sei inzwischen mathematischer als die Physik“. Tatsächlich hat es eine Zeit gegeben, in der sich unser Fach zum Sklaven der Mathematik gemacht hat. Doch die ist zumindest in den angewandten Teilen der Wirtschaftswissenschaft inzwischen vorbei: Die moderne ökonomische Wissenschaft kommt zwar ohne Mathematik nicht aus – aber heute sind die Methoden unsere Sklaven, die uns dabei helfen, wirtschaftliche Probleme des realen Lebens besser in den Griff zu bekommen. Wie sollte der Strommarkt designed werden, damit er optimal funktioniert? Welche Instrumente der Wirtschaftspolitik können dazu beitragen, das Beschäftigungsproblem zu lösen? Wie interagieren Kooperation, Vertrauen und Wettbewerb in anonymen Online-Märkten? Welche Anreizsysteme motivieren, welche demotivieren? Wie sollen Kindergartenplätze und Organspenden verteilt werden? Solche und ähnliche Fragen sind es, die die moderne Wirtschaftswissenschaft zu beantworten sucht.

Sie gibt sich nicht mehr damit zufrieden, die Antworten aus den ewigen Wahrheiten des Fachs abzuleiten, sondern sie entwickelt und überprüft problemorientiert und mit großer Methodenvielfalt ihre Theorien und Erklärungsversuche. Mehr und mehr Volkswirte wollen Märkte und Organisationen nicht mehr nur verstehen – sie wollen sie verbessern. Innovative Experimentaltechniken erlauben einen fließenden Übergang von Labor- zu Feldstudien. Hochkomplexe reale Märkte wie zum Beispiel Elektrizitätsmärkte oder elektronische Auktionsmärkte können gewissermaßen im experimentellen Windkanal einer wissenschaftlich fundierten Untersuchung zugänglich und beherrschbar gemacht werden.

Die Brücke zwischen Grundlagenforschung hin zur Realität wird geschlossen, mit positiven Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft.

(Auszug aus dem gleichnamigen Artikel aus dem "Handelsblatt" vom 16.04.2007)